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Die Covid-19-Pandemie und die Auswirkungen von Bewegungsmangel

Die Wissenschaft begann den mit den Covid-19-Einschränkungen einhergehenden Bewegungsmangel und seine negativen Auswirkungen auf den menschlichen Körper zu erforschen. Laut den Ergebnissen der bisher durchgeführten Forschungen führt eine 20-tägige Phase einer Bewegungslosigkeit zu einem 11-prozentigen Verlust des Herzvolumens bei jungen Personen. Bei Personen, die über 60 Jahre alt sind, ist ein doppelwertiger Verlust der Fall. Andere bereits bekannte Tatsachen sind, dass Bewegungsmangel auch zu einer erhöhten Insulinresistenz, einer Einschränkung des Insulingebrauchs in den Muskeln, zu unregelmäßigen Blutzuckerwerten und zur Verkürzung des menschlichen Lebens führt

Prof. Dr. Hasan Kerem Alptekin
Physiotherapeut und Rehabilitationsexperte

Aufgrund der Covid-19-Einschränkungen erhöhte sich in der Türkei seit März 2020 die Zeit, die wir in unseren Häusern verbringen. Mit der gemeinsamen Entscheidung des Gesundheitsministeriums, des Bildungsministeriums und des Hochschulausschusses wurde der Onlineunterricht eingeführt. Für Personen im Alter von über 65 Jahren sind Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten. Der stundenlange Aufenthalt zu Hause vor dem Computer vermehrte bei Millionen von Schülern die Wirbelsäulenbelastung und verringerte somit die Bewegungsfähigkeit.

In Studien, die noch vor der Pandemie durchgeführt wurden, konnte beobachtet werden, dass die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Zeit von täglich 60 Minuten mittlerer körperlicher Bewegung für Kinder im Alter von 5 -17 Jahren nur von 10 Prozent der Kinder nicht erreicht werden konnte. Studien nach der Pandemie weisen diesen Wert nun als drei Prozent auf. Während der Pandemie übersteigt die Zeit, die vor dem Bildschirm verbracht wird, den empfohlenen Zeitraum von zwei Stunden um das Mehrfache. Vor allem in Großstädten kommen zu diesen „Bildschirmzeiten“ nun auch die Zeiten des Onlineunterrichtes und die der Computerspiele hinzu. Bei einer chinesischen Studie, die mit 2427 Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde, wurde festgestellt, dass die wöchentliche Zeit, die vor den Bildschirmen verbracht wird, um 30 Stunden gestiegen ist. Allerdings wurde beobachtet, dass die Zeit der Freizeitaktivitäten die Zeiten des Onlineunterrichtes überschreiten. In Amerika beträgt die Zeit für den Onlineunterricht beispielsweise täglich 90 Minuten, während die Zeit für Freizeitaktivitäten das Achtfache beträgt.

Die Schlafqualität ist ebenfalls gesunken

Eine weitere Auswirkung der Covid-19-Pandemie auf Kinder und Jugendliche ist der Einfluss auf Schlafangewohnheiten. Kindern zwischen 5-17 Jahren wird für eine gesunde Entwicklung und eine gesunde Psyche eine Schlafdauer von 9 bis 11 Stunden empfohlen. Studien weltweit aus verschiedenen Ländern belegen, dass die Schlafdauer der Kinder zwar durchschnittlich um eine Stunde am Tag gestiegen ist, allerdings die Qualität des Schlafes gesunken ist. Die späteren Einschlaf- und Aufwachzeiten der Kinder beeinflussen an dieser Stelle auch ihren Tagesrhythmus.


Das als „Immobilisation“ bezeichnete Phänomen der Bewegungslosigkeit einer bestimmten Körperpartie beeinflusst die Muskeln, das Herz und die Adern, das Hormonsystem und das

Nervensystem in hohen Maßen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass allein durch eine zweitägige Bettruhe der Quadrizeps (die vorderen vier Oberschenkelmuskeln) ein zweiprozentiger Muskelmassenverlust und bei einer Bettruhe von einer Woche bei allen großen Muskelgruppen ein Muskelmassenverlust von 10 Prozent entsteht.

Durch die Bewegungslosigkeit erhöht sich die Insulinresistenz, der Insulingebrauch in den Muskeln wird beeinträchtigt und es entstehen Unregelmäßigkeiten im Blutzuckerspiegel. Bei einer zweiwöchigen Erholung zu Hause sinkt laut einigen Studien die Bewegungskapazität um 7 Prozent. Bei Personen im Alter von über 60 Jahren sinkt die Bewegungskapazität sogar um das Doppelte. Zudem wurde bei vorherigen Studien beobachtet, dass sich bei einer bewegungslosen Phase von 20 Tagen das Herzvolumen von jungen Erwachsenen um 11 Prozent verkleinert.

Bewegungslosigkeit beeinflusst auch die autonomen Nervenzellen…

Die Erholung zu Hause führt nicht nur zum Verlust der Muskelstärke, sie beeinträchtigt auch die Proteinbiosynthese zwischen den Muskel- und Nervenzellen. Man kann nach einer Phase des Bewegungsmangels eine Neigung zum Verkleben der unterschiedlichen Oberflächen von autonomen Nervenzellen beobachten. Dieser Zustand ist nach einer Wirbelsäulenlähmung ebenfalls beobachtbar. Um den gesunden Erhalt von energieaufwendigen Funktionen des Körpers aufrechtzuerhalten, müssen widerstandsfähige, hochintensive Aerobic-Bewegungen durchgeführt werden. In den Studien wurde auch festgestellt, dass ein Training mit der eigenen Körperbelastung den gleichen Wert wie ein Training mit Krafttrainingsgeräten hat.

Wichtige Anhaltspunkte hierbei:

Während bei einer bewegungslosen Phase von 10 Tagen ein erhöhter Muskelproteinabbau (Erhöhung von 3-Methylhistidin) beobachtet werden kann, führt eine zweiwöchige Phase mit einer niedrigen physischen Tätigkeit von 750 Schritten täglich zu wichtigen Rückgängen der metabolischen Proteinbiosynthese und auch der Proteinbiosynthese in den Muskeln.Mit gegenteiligen physischen Konditionen, wie etwa zwei Wochen lang über 5000 Schritten am Tag, können diese negativen Auswirkungen auch nicht verhindert werden.

  • Wenn wir in Betracht ziehen, dass ein Mensch, der während der Altsteinzeit ein Mitglied der Jäger- und Sammlergesellschaft war, täglich bis zu 16 Kilometer zu Fuß ging, sollte während der Pandemie und der zu Hause verbrachten Zeit die tägliche Bewegung mithilfe von diversen mobilen Applikationen mindestens 30 Minuten betragen.
  • Personen im Alter von 20-25 Jahren erreichen bei einer regelmäßigen sportlichen Tätigkeit das höchste mögliche Muskelvolumen und Muskelstärke. Sportler, die ihr Leben lang Sport treiben, verfügen über eine 30 Prozent höhere Muskelstärke als ihre Altersgenossen.
  • Kinder und Jugendliche können mit spielerischen körperlichen Aktivitäten die zu Hause verbrachte Zeit problemfreier verbringen. Unsere Hoffnung ist, dass nach dem Impfprogramm und der gesunkenen Neuinfektionszahlen sich die Zeit, die draußen verbracht wird, erhöht. Denn draußen an der frischen Luft bewegt es sich am besten.

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