Bildung

Heinrich: Hier ist vor allem die frühe Trennung der Kinder mit 9,5 Jahren zu nennen.

Brücke: Wie würden Sie aus ihrer Warte aus das heutige Bildungssystem beschreiben? Fallen ihnen da einige Kritikpunkte ein bzw finden Sie das aktuelle Bildungssystem für die Schüler/innen optimal?

Himmer: Auf der einen Seite hat Österreich ein gutes Schulwesen. Studien zeigen, dass die allermeisten SchülerInnen gerne in die Schule gehen. Genauso wie die große Mehrzahl der LehrerInnen mit Engagement und viel Arbeit alles dafür tut, Schule gelingen zu lassen – und dafür zu sorgen, dass die Kinder die Bildungsziele erreichen.

Gleichzeitig jedoch gibt es einige Grundbaufehler im österreichischen Schulwesen. Hier ist vor allem die frühe Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren zu nennen. Dadurch dass Österreich – anders als viele andere erfolgreiche Schulsysteme weltweit – Kinder nicht bis zumindest 14 Jahre gemeinsam unterrichten lässt, sondern in die AHS und NMS aufteilt, bleiben viele Talente unentdeckt und gehen viele Chancen verloren. Daher auch unsere Forderung, dass endlich auch in Österreich ein gemeinsames Schulwesen entwickelt wird.

Brücke: Ein heiß diskutiertes Thema in den Medien ist die Einführung des Ethik Unterrichts, statt dem üblichen Religionsunterricht. Wie würden Sie reagieren, wenn im Ethik-unterricht eine Lehrerin mit einem Kopftuch erscheinen würde?

Himmer: Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil stellt sich die Debatte über Ethikunterricht so dar, dass einige möchten, dass jene Kinder, die keinen Religionsunterricht besuchen, Ethikunterricht besuchen. Andere – zu denen zähle ich mich – halten es für sinnvoll, darüber zu diskutieren, dass Ethikunterricht generell für alle Kinder sinnvoll wäre – aber ohne deswegen den Religionsunterricht in Frage zu stellen. Zur Frage, wie ich darauf reagieren würde, wenn im Ethikunterricht eine Lehrerin mit Kopftuch er-scheinen würde: Hier geht es nicht darum, wie ich reagieren würde, sondern einzig darum, ob es die rechtliche Grundlagen hierfür gibt.

Brücke: Bis heute wird immer wieder gegenüber der Zentralmatura Kritik laut. Ein wichtiger Aspekt, der für Fragen sorgt ist jener, dass zwar der schriftliche Teil zentral geprüft wird, jedoch aber nicht der mündliche, dieser ist noch immer Schulautonom. Jedoch sollte die Zentralmatura eine Reform zur alten Matura darstellen und allen Maturanten/innen dieselben Prüfungsvoraussetzungen bieten, sodass keiner bei der Prüfung einen Vorteil/Nachteil hat. Wie wollen Sie die Maturakandidaten fair beurteilen, wenn sie nicht einmal Zentral geprüft werden?

Himmer: Auch hier: Manche hätten die „alte Matura“ gerne zurück, andere sind große Fans der Zentralmatura. Tatsache ist, dass die Zentralmatura inzwischen gut eingeführt ist und die LehrerInnen und SchülerInnen immer besser mit den neuen Anforderungen umgehen können. Eine mündliche Matura zentral zu gestalten, ist schwierig. Das Wesen der mündlichen Matura ist eben das gesprochene Wort – eine derart lebendige, mündliche und interaktive Prüfungssituation kann nur schwer gänzlich standardisiert oder zentralisiert werden. Viele Schulen se-hen hierin überdies die gute Möglichkeit, Schulschwerpunkte, die schulautonom in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten entwickelt wurden, prüfbar und somit weiterhin sichtbar zu machen.

Brücke: In der heutigen Zeit ist es unvermeidlich sich mit der Technologie und dessen Fortschritt zu befassen. Der Unterricht von gestern sollte nicht nur Overheadprojektoren, sondern auch Whiteboard oder Laptops und der gleichen beinhalten. Doch auch in diesem Gebiet liegen die Schulen oft sehr weit hinten, zum einen deshalb, weil die Schulen nicht am Stand der Technik sind und zum anderen, weil das Lehrpersonal mit den neusten Errungenschaften in der Technik nichts mit anzufangen haben. Wie wollen Sie in Zukunft bewerkstelligen, dass die Lehrer den Schüler/innen auch in diesem Bereich am laufenden zu halten. Und hat die Landesregierung mal wieder vor in die Schulen zu investieren, sodass die Bildungseinrichtungen am Stand der heutigen Technik sind?

Himmer: Keine Frage, Bildung ist weltweit – Stichwort Digitalisierung – im Aufbruch und so wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten durch den Einsatz neuer Technologien auch in Österreich viel an unseren Schulen verändern. In manchen Bereichen haben wir hier schon Erfolge realisiert, so ist etwa die Zahl der LehrerInnen, die sich durch Fort- und Weiterbildung viel zusätzliches Know-how hierzu erworben haben, sehr stark gestiegen. Da gibt es aber natürlich weiter am Ball zu bleiben.

Überdies gibt es ja auch die Digitalisierungsoffensive des Bundes, die noch von der vorigen Regierung beschlossen, in einem Mehrstufenplan die Weiterentwicklung digitaler Pädagogik, neue Pilotprojekte und schließlich die flächendeckende Ausrollung im Bereich von Schulen zur Verfügung gestellter Soft- und Hardware vorsieht.

Brücke: Es stehen zurzeit die Deutschförderklassen für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnisse an der Tagesordnung. Was denken Sie über diese Deutschförder-klassen? Welche Auswirkungen könnten außerdem diese Maßnahmen hinsichtlich auf die Ausbildungsdauer der Kinder haben?

Himmer: Zunächst: Wir in Wien sind im Bereich der Sprachförderung schon lange sehr aktiv. Das Wiener Modell der Sprachförderung hat sich bewährt – 11 Stunden intensive Deutschförderung in Kleingruppen und dennoch genügend Zeit, um im restlichen Unterricht im Klassenverband vom le-bendigen Austausch mit den anderen MitschülerInnen zu profitieren. Dass seitens der Bundesregierung nun ein neues Gesetz geplant ist, durch das die Zahl der bisherigen Stunden, die Kinder in der Deutschförderung außerhalb eines „normalen“ Klassenverbandes verbringen, weiter steigen soll, muss man sich genau anschauen. Denn das wirft natürlich pädagogische, organisatorische und auch räumliche Fragen auf, die zu klären sind. Uns ist es jedenfalls wichtig, dass genügend Zeit bleibt, in der die Kinder auch in einem „normalen“ Klassenverband am Unterricht teilnehmen und so im lebendigen Miteinander mit anderen Kindern Spaß und Freude haben – und nicht zuletzt auch dort Deutsch lernen.

Brücke: Wir sehen, dass Ihre Tätigkeiten im Bereich der Bild kaum Platz in den Austro-Türkischen Medien finden. Als ein austrotürkisches Medium machen wir kostenlose Berichterstattungen um unsere LeserInnen informieren zu können. Welches Migrantenmedium bevorzugen Sie um die ÖsterreicherInnen mit Migrationshintergrund hinsichtlich Publicity, Bekundungen, allgemeine Tätigkeiten etc. anzusprechen? Könnten Sie uns darüber berichten?

Himmer: Es gibt kein Medium, das ich gegenüber einem anderen Medium bevorzuge. Jede Möglichkeit, seriös in einen Dialog mit den LeserInnen – und somit „den Menschen“ -zu treten, begrüße ich. Mir ist es ein sehr großes Anliegen, mit jedem Teil der Gesellschaft (ungeachtet von Herkunft, Muttersprache oder Religion) in einen Dialog zu treten. Deshalb habe ich mich auch sehr über diese Einladung zu einem Interview in ihrem Magazin gefreut.

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