Bildung

Jürgen: Werden gerade Großstädte wie Wien massiv neue Ressourcen im pädagogischen Bereich brauchen.

Brücke: Wer ist eigentlich Mag. Jürgen Czernohorszky? Können Sie sich kurz vorstellen?

Czernohorszky: Ich bin Politiker und seit Jänner 2017 Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal in Wien. Davor war ich viele Jahre im Wiener Gemeinderat und zuletzt Wiener Stadtschulratspräsident. Als ehemaliger Studierendenvertreter in der Österreichischen Hochschülerschaft und Geschäftsführer der Österreichischen Kinderfreunde begleitet mich vor allem das Thema Bildung schon lange Zeit.

Brücke: Kinder, die eine Lernschwäche haben bzw. verschiedene Aufnahmefähigkeiten versuchen ihre Bildung in normalen Horten oder Schulen fortzuführen. Gibt es eine eigene Institution des österreichischen Staates, das versucht für Kinder mit besonderen Bedürfnissen ein Erziehungsprogramm zu gestalten, welches für sie effektiver ist und ihre Lernfähigkeit antreibt? Mit welcher Instanz müssen Familien, die dieses Problem haben bzw. ihrem Kind eine bessere Erziehung geben möchten, in Kontakt treten?

Czernohorszky: Grundsätzlich ist „Inklusion“ ein wichtiges Thema und weit mehr als eine schulorganisatorische Umsetzung. Inklusion verlangt eine grundsätzliche Haltungsfrage, die sich klar gegen Diskriminierung wendet. Die Einrichtung von Integrationsklassen im schulischen Bereich ist dabei eine wichtige Maßnahme. Mit der Schulbauoffensive der letzten Jahre hat Wien auf höchstem Niveau neue Architektur geschaffen, die Inklusion in der Schule viel leichter ermöglicht.

Darüber hinaus gibt es in Wien „Zentren für Inklusivpädagogik“ für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. Auch hier werden – je nach Standort – Regelklassen geführt, die der Idee der inklusiven Schule gerecht werden. Für alle Eltern ist der Stadtschulrat die richtige Anlaufstelle: Hier beraten ExpertInnen bei Lernschwierigkeiten und in allen Fragen zum Thema Inklusion.

Brücke: Wir wissen, dass bei der Anmeldung der Kinder in Horten berufstätige Familien bevorzugt werden und wir finden diese Bevorzugung auch in Ordnung. Doch Familien, die nicht berufstätig sind, erläutern, dass sie auf einen Hortplatz 2-3 Jahre warten müssen, was sie negativ auffassen. Welche Lösungswege werden für diese Probleme gefunden? Welche hilfreichen Tipps können Sie Familien auf den Weg geben?

Czernohorszky: Die Stadt Wien bietet vielfältige Formen der Nachmittagsbetreuung für Volksschülerinnen und Volksschüler an. Im Schulbereich stehen Ganztagsschulen, Offene Volksschulen sowie Campusstandorte zur Verfügung. Für jene Kinder, die eine Halbtagsvolksschule besuchen, stehen die Horte der Stadt Wien, Lern- und Freizeitklubs sowie private Horte zur Verfügung.

Die Stadt Wien baut das ganztägige Angebot an Nachmittagsbetreuungsplätzen für VolksschülerInnen kontinuierlich aus. So werden z.B. ab September 2018 fünf weitere Schulen auf ganztägige Betreuung umgestellt.

Bei der Vergabe von Hortplätzen für Schulanfängerinnen und Schulanfänger achtet die Stadt Wien darauf, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt wird und vergibt deswegen die Plätze vorrangig an jene Eltern, die nachweislich berufstätig sind bzw. sich in Ausbildung oder in einer Kursmaßnahme vom Arbeitsmarktservice Wien befinden. Jene Volksschulkinder, deren Eltern keiner Berufstätigkeit nachgehen, können für einen städtischen Hortplatz in Evidenz gehalten werden. Sobald ein Nachmittagsbetreuungsplatz aufgrund Berufstätigkeit für das Kind erforderlich ist, unterstützen die MitarbeiterInnen in den Servicestellen der Ma 10 bei der Suche nach Nachmittagsbetreuungsplätzen entweder in städtischen oder privaten Horten.

Brücke: Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat in der letzten Pressemitteilung die neue Maßnahme unter dem Namen Deutschförderklassen vorgestellt. Wir haben erfahren, dass Kinder, die sich für die erste Klasse Volksschule anmelden, einem Deutschniveautest unter gleichen Bedingungen unterzogen werden. Wir sehen, dass aktuell jedes fünfte Kind in Horten und Schulen einen Migrationshintergrund hat. Wird dieser Test also für jedes Kind, das sich für die Volksschule erstanmeldet, verpflichtend sein oder werden nur die Kinder mit Migrationshintergrund diesem Deutschniveautest unterzogen? Könnten Sie uns darüber berichten?

Czernohorszky: Dazu liegen uns noch keine Informationen vor. Grundsätzlich sind wir in Wien im Bereich der Sprachförderung schon lange aktiv. Das Wiener Modell der Sprachförderung hat sich bewährt – 11 Stunden intensive Deutschförderung in Kleingruppen und dennoch genügend Möglichkeit, um im restlichen Unterricht Zeit mit anderen MitschülerInnen zu verbringen.

Das von Minister Faßmann präsentierte Konzept der Deutschförderklassen wirft gerade für Ballungsräume wie Wien viele Fragen auf: Werden diese Sprachförderklassen jetzt mit bis 25 SchülerInnen aufgefüllt? Warum dürfen nicht mehr PädagogInnen die Sprachkenntnisse beurteilen? Und: Wie will man die Räume für hunderte neue Vorschulklassen schaffen. Um die Qualität der Sprachförderung nicht zu verschlechtern, werden gerade Großstädte wie Wien massiv neue Ressourcen im pädagogischen Bereich, aber auch im Bereich der Infrastruktur brauchen!

Brücke: Es stehen zurzeit die Deutschförderklassen für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnisse an der Tagesordnung. Was denken Sie über diese Deutschförderklassen? Welche Auswirkungen könnten außerdem diese Maßnahmen hinsichtlich auf die Ausbildungsdauer der Kinder haben?

Czernohorszky: Zunächst: Wir in Wien sind im Bereich der Sprachförderung schon lange sehr aktiv. Das Wiener Modell der Sprachförderung hat sich bewährt – 11 Stunden intensive Deutschförderung in Kleingruppen und dennoch genügend Zeit, um im restlichen Unterricht im Klassenverband vom lebendigen Austausch mit den anderen MitschülerInnen zu profitieren. Dass seitens der Bundesregierung nun ein neues Gesetz geplant ist, durch das die Zahl der bisherigen Stunden, die Kinder in der Deutschförderung außerhalb eines „normalen“ Klassenverbandes verbringen, weiter steigen soll, muss man sich genau anschauen. Denn das wirft natürlich pädagogische, organisatorische und auch räumliche Fragen auf, die zu klären sind. Uns ist es jedenfalls wichtig, dass genügend Zeit bleibt, in der die Kinder auch in einem „normalen“ Klassenverband am Unterricht teilnehmen und so im lebendigen Miteinander mit anderen Kindern Spaß und Freude haben – und nicht zuletzt auch dort Deutsch lernen.

Brücke: Wir sehen, dass das MA17 –Magistrat für Integration und Diversität bei der Transparenz seiner Tätigkeiten die austrotürkischen Medien außer Acht lässt. Hat das MA17 bezüglich der Pflichtschulausbildung gewisse Befugnisse bzw. Aktivitäten? Wenn ja, welche wären das?

Czernohorszky: Die Abteilung für Integration und Diversität, die MA 17, bietet auf ihren Websites viele Informationen, insbesondere zum Thema Ankommen in Wien, auch mehrsprachig an. Die MA 17 ist zudem mit drei Regionalstellen – Süd, West und Nord – auch regional sehr stark verankert. Sie sind Anlaufstellen bei Fragen, Ideen und Vorschlägen, wie das Zusammenleben der Bewohnerinnen und Bewohner weiter verbessert werden kann. Alle Angebote und Services der MA 17 sind sehr transparent ausgewiesen.

Zur Ihrer zweiten Frage: Die MA 17 fördert viele Bildungsprojekte im Rahmen der Initiative Erwachsenenbildung, etwa im Jugendcollege oder bei InterSpace. Pflichtschulabschlusskurse sind da ebenso inkludiert wie Basisbildungs- und Deutschkurse. Die Kurse vermitteln neben Deutsch auch Allgemeinbildung, Wissen im Umgang mit Medien und Bildungs- und Berufsorientierung.

Brücke: Wir sehen, dass Sie mit den austrotürkischen Medien bezüglich Ihrer Tätigkeiten im Bereich der Bildung kaum in Kontakt treten. Möchten Sie den Einfluss der austrotürkische Medien hinsichtlich Ihrer Maßnahmen, wie die Lehrlingsausbildung zu Ihrem Nutzen machen um von den Jugendlichen aus der türkischen Community, die ihren Beitrag zur Zukunft Österreichs leisten können, zu profitieren?

Czernohorszky: Ich stehe selbstverständlich jedem Medium, das sich für einen redaktionellen Beitrag an uns wendet, für die gewünschten Informationen zu Maßnahmen und Angeboten im Bereich Bildung, Jugend und Integration zur Verfügung. Darüber hinaus verfügen wir über eine Vielzahl an Kommunikationskanälen, über die wir laufend die Wiener Bevölkerung über die Maßnahmen der Stadt Wien informieren.

Brücke: Resultierens aus den Ergebnissen einer Studie wurde eine weitere Umfrage unter dem Namen „Jugendliche in der offenen Arbeit“ gestartet, das ein großes Echo in den Medien   Bei einer Studie, die 400 SchülerInnen befragte, wurde eine Auswertung von ¼  einer gesamten Gesellschaft herangezogen und ein Satz wie „Radikale Tendenzen muslimischer Jugendlicher“, was die Ausrichtung einer Gesellschaft zur Fehlinformation bedeutet. Ist also eine Publikation, die zur Differenzierung unter Jugendlichen führen kann, annehmbar?

Czernohorszky: Das Wiener Netzwerk Deradikalisierung und Prävention beschäftigt sich intensiv mit Problemlagen rund um die Themen Extremismus, Abwertungsideologien, Radi­kalisierung und deren Prävention. Im Zentrum stehen Kinderrechte und Jugendschutz, die durch die Tätigkeiten des Netzwerks vermittelt werden.  Seit seiner Entstehung im September 2014 hat das Netzwerk eine Reihe an Infoveranstaltungen, Workshops und Schulungen organisiert, um eigene MitarbeiterInnen fort- und weiterzubilden, MultiplikatorInnen zu schaffen und um eine interessierte Öffentlichkeit sowie Fachkreise für die Thematik zu sensibilisieren.

Die Stadt Wien setzt sich dafür ein, dass Jugendliche, die mit radikalen Gruppen sympathisieren, sich aber noch nicht strafbar gemacht haben, verstärkte Hilfestellung und Beziehungsangebote erhalten um Alternativen aufzuzeigen. Die Schulungen durch das Wiener Netzwerk Deradikalisierung und Prävention zielen vor allem darauf ab, dass Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, Radikalisierung früh erkennen können, die Ursachen dafür kennen, Phänomene, die dem zugrunde liegen verstehen und wissen, wie sie reagieren sollen.

Foto Credit – © Ingo Pertramer

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